Ein intimer Abschied

    Abschied nehmen.

    Worte, die eine ungeheure Bedeutung haben, weil wohl jeder von uns sie mit Endgültigkeit verbindet.

    Von geliebten Menschen Abschied zu nehmen ist vermutlich das schmerzhafteste Gefühl, das es gibt. Jedoch hat dieses mächtige Wort „Abschied“ viele Facetten.

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    Foto: Lukas Lambert – Allen Laine Visuals

    Über das Abschied nehmen von Intimität  

    Der Abschied, über den ich heute erzählen möchte, ist einer, der Hand in Hand mit dem Aufgeben eines großen Stücks Intimität geht.

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    Foto: Lukas Lambert – Allen Laine Visuals

    Nicht ich mit meinen 26 Lebensjahren musste diesen Abschied bewältigen, sondern meine Großmutter mit fast 85 Jahren.

    Für einen Menschen, der noch so weit entfernt von dieser Altersgruppe ist, erscheint dieser Abschied über den ich hier schreibe vermutlich fast lächerlich. Aber er ist real – und ich behaupte, dass es viele ältere Frauen gibt, die bei bester Gesundheit sind, aber den gleichen intimen Verlust wie meine Großmutter akzeptieren müssen.

    Wovon dieser Abschied nun handelt? Eigentlich ist es etwas ganz Banales.

    Die meisten Frauen tragen es tagtäglich, es existiert in den verschiedensten Formen, Farben und Variationen und hat für fast jede von uns einen ganz individuellen Stellenwert, der mit viel Weiblichkeit verbunden ist.

    Es geht um Unterwäsche – um genau zu sein um Bodies.

    Ein sinnliches Dessous, das BH und Höschen zu einem werden lässt und das nicht nur der Figur sehr schmeichelt, sondern gleichzeitig auch unglaublich praktisch ist.

    Ein „Einteiler“ mit Stil eben, für den ich ganz zufällig nun auch meine Liebe entdeckt habe. 

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    Dieser schwarze Body stammt aus der Kollektion meiner Großmutter – 20 Jahre ist er mit Sicherheit alt Foto: Lukas Lambert – Allen Laine Visuals

    Es gibt sie, die eine

    So lange ich denken kann, kenne ich meine Großmutter und ihre Bodies.

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    Body mit Druckknöpfen – ein großes Problem für ältere Menschen mit Arthrose Foto: Lukas Lambert – Allen Laine Visuals

    Sie hat diese Form der Unterwäsche schon immer sehr geliebt, weil sie ihrer Figur schmeicheln (Perfekt für Frauen mit Taille und Po😉) und sie ihren Körper an den Stellen besonders wärmt, wo sie oft friert. 

    Besonders praktisch: Der Verschluss.

    Ob Häkchen oder Druckknöpfe – der Body muss nicht komplett ausgezogen, sondern kann schnell und unkompliziert geöffnet werden. Genau das hat meine Großmutter immer als unglaublich praktisch empfunden und so wurde der „Bodysuit“ schließlich zu ihrer liebsten Form der Unterwäsche.

    Wenn die motorischen Fähigkeiten plötzlich nachlassen

    Doch dann fing allmählich an, sich etwas zu verändern.

    Das Schließen und Öffnen der Häkchen und Druckknöpfe war auf einmal nicht mehr so leicht. Die Kraft in den Händen fing zunehmend mehr an nachzulassen, genau so auch die Bewegungsfähigkeit in ihren Fingern.

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    Noch schwieriger ist das Öffnen und Schließen dieses Exemplars mit Häkchen für ältere (und auch für jüngere!) Menschen Foto: Lukas Lambert – Allen Laine Visuals

    Trotz nachlassender Kräfte kann meine Großmutter auch heute noch alles greifen – also alles, was „griffig“ ist.

    Aber wenn es um kleine, feinere, filigrane Dinge geht, die auch noch einen Widerstand aufweisen wie beispielsweise die besagten Verschlüsse, muss sie mittlerweile passen, oder eher gesagt: Aufgeben.

    Aufgeben, weil etwas eingetreten ist, dass einen jeden von uns eines Tages treffen wird: Das Nachlassen der Körperkraft.

    Auf einmal können Selbstverständlichkeiten, wie das Öffnen und Schließen dieser Häkchen und Druckknöpfe, zu einer großen Anstrengung – oder gar zu einer Unmöglichkeit werden.

    Und hier sind wir nun beim Thema Abschied nehmen angekommen.

    Meine Großmutter kann ihre Bodies mit fast 85 Jahren nicht mehr tragen, weil sie diese so banal erscheinende Bewegung des Öffnens und Schließens nicht mehr ausführen kann. Sie hat nicht mehr ausreichend Kraft und Fingerspitzengefühl, um die Druckknöpfe feste genug aufeinander zu pressen, die kleinen Häkchen kann sie nicht mehr richtig greifen um sie ineinander zu hängen – und so hat sie mir ihre Bodies schließlich vermacht.

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    Quelle: Deutsche Rheuma Liga Bundesverband e.V.

    Einige werden nun sagen: Und wo liegt nun das Problem? Es gibt doch auch Slips und Unterhemden, die den gleichen Effekt haben, die bequem und praktisch sind und ebenfalls hübsch aussehen.

    Aber genau das ist dieser harte und unfreiwillige Abschied von etwas, das einen enormen ideellen Wert hat.

    Meine Großmutter ist keine Frau, die ein Problem mit ihrem Alter hat. Sie ist einer dieser Menschen, der das Alter mit Würde und Stil trägt und die Einstellung lebt, dass dieser Prozess einfach der natürliche Werdegang des Menschen ist. 

    Womit sie jedoch hadert, sind die nachlassenden Kräfte und die Einsicht, dass Selbstverständlichkeiten plötzlich zu großen Anstrengungen werden.

    Und das Abschied nehmen von Dingen, die ihr auf ihrem langen Lebensweg so viel bedeutet haben.

    Alt sein bedeutet oftmals auch einen auferzwungenen Abschied vom Wohlfühlgefühl

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    Quelle: Deutsche Rheuma Liga Bundesverband e.V.

    Man ist halt einfach alt und muss sich damit abfinden, dass die eigene Bewegungsfähigkeit nicht mehr so gut funktioniert.

    Wenn ein alter Mensch diese Häkchen und Druckknöpfe nicht mehr bedienen kann, muss er sich eben eine Alternative suchen und auch ansonsten stellt es ja wohl keine Schwierigkeit dar, einfach auf andere Produkte umzusteigen.

    Ganz logisch, oder?

    Nein, das ist einfach nur die traurige Realität, in der wir uns befinden.

    Selbst ich hänge mit meinen 26 Jahren schon an meiner Unterwäsche. Das mag amüsant klingen, aber es ist tatsächlich so.

    Ich kaufe meist den selben Hersteller, weil ich weiß, dass mir die Sachen passen, der Stil mir gefällt und ich mich in den Produkten einfach sehr wohl und weiblich fühle.

    Und genau dieses Bedürfnis des Wohlfühl- und Weiblichkeitsgefühls lässt auch im hohen Alter nicht nach.

    Es verändert sich zwar, der Fokus wird zunehmend mehr auf andere Dinge gelegt und Praktikabilität wird zu einem maßgeblichen Aspekt, der anfängt, den Alltag zu bestimmen. Aber schön und weiblich möchte man sich auch noch mit über 80 fühlen, das habe ich durch „Style is Ageless“ nun schon von so vielen Frauen gehört.

    Dieses Bedürfnis ist das Natürlichste auf dieser Welt und in einer jeden Frau tief verwurzelt. Die traurige Realität ist jedoch, dass es trotz demografischem Wandel von Industrie und Gesellschaft nach wie vor stark vernachlässigt wird.

    Der Weg hin zu einer Welt mit „Produkten die für alle nutzbar“ und besonders auf die Bedürfnisse älterer Frauen ausgelegt sind, wird noch ein sehr langer sein. Hoffentlich ist er dann gespickt von innovativen und lebensbereichernden Lösungsansätzen.

    Mein erster Gedanke war: Warum gibt es keine Bodies mit Klett- oder Magnetverschlüssen?

    Nun bin ich stolze Besitzerin von diesen wunderschönen Bodies und trotzdem frage ich mich: Musste das sein? Gibt es denn wirklich keine Alternative für Frauen wie meine Großmutter? Bodies mit Klett- oder Magnetverschlüssen wären eine tolle Alternative, die auch bei ihr sofort viel Zustimmung gefunden hat.

    Ich weiß nicht, wie realistisch so eine Umsetzung wäre, dafür kenne ich mich mit den Materialien zu wenig aus. Aber ich bin mir sicher, dass irgendwo da draußen ein kluger Kopf herumläuft, der eine praktische und nützliche „Bodie-Version“ in dieser Art entwickeln könnte.

    Für mich persönlich ist es immer wieder schwer mit ansehen zu müssen, dass ältere Frauen wie meine Großmutter, die noch so aktiv und lebensfroh sind, durch solche Banalitäten an ihre Grenzen gebracht werden.

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    Meine Großmutter bei einem unserer Fotoshootings für Style is Ageless

    Wir jungen Menschen können uns die Anstrengungen, diese immer wiederkehrende Verzweiflung, kaum vorstellen. Hätte ich Situationen wie diese nicht schon so oft mit meiner Großmutter und vielen weiteren älteren Frauen miterlebt und mit ihnen darüber gesprochen, würde auch ich niemals hier sitzen und diesen Text schreiben.

    Aber ich weiß, Dank langer Beobachtung und intensivem Austausch, dass ein Problem wie dieses kein Einzelfall ist.

    Quelle: Oliver Herwig – Universal Design

    Auch wenn es schon lange so sein sollte, liegt es heute mehr denn je an den Unternehmen, Produktdesignern, innovativen Marketing Teams und einem zwingend erforderlichen Bewusstseinswandel innerhalb der Gesellschaft, das Produkte, welcher Art auch immer, endlich „für alle“ entwickelt werden.

    Ich würde mir sehr wünschen, dass künftige Generationen (meine inklusive!) nicht mehr von einer Ausschließung eines Produkts mit einem solch ideellem Wert betroffen sind.

    Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, dass jede Frau jeden Alters das tragen kann, in dem sie sich schön und wohlfühlt – und noch viel mehr muss es eine Selbstverständlichkeit werden, dass das Alter kein Ausschlusskriterium mehr für die Nutzung eines Produktes ist.

    Abschied nehmen mit einem Lächeln

    Auch wenn es schwer für meine Großmutter war zu akzeptieren, dass sie sich von ihren geliebten Bodies trennen muss, schwingt trotzdem auch ein wenig „Abschiedsfreude“ mit. Ich habe nämlich eine riesen Freude an diesen praktischen, neu für mich entdeckten Dessous und vermute stark, dass sie von nun auch meine treuen Lebensbegleiter werden.